Rückkehr zu G9 nach Bürgerforum
Nach einem zufällig gelosten Bürgerforum hat die baden-württembergische Landesregierung am 23. Juli 2024 eine große Bildungsreform mit zahlreichen Neuerungen für die Schullandschaft auf den Weg gebracht. Das Gesetz dazu wurde am 29. Januar 2025 vom Landtag beschlossen.
Die Reform nimmt besonders Kinder mit weniger guten Startbedingungen in den Blick. Seit dem Schuljahr 2024/2025 gibt es unter dem Namen SprachFit bereits im Jahr vor der Einschulung ein intensives Sprachtraining für alle Kinder, die bei der Einschulungsuntersuchung einen intensiven sprachlichen Förderbedarf zeigen.
Einrichtung von Juniorklassen
Für Kinder, die bei Schulstart weiterhin Förderbedarf aufweisen oder noch nicht die nötigen Vorläuferfertigkeiten besitzen, werden außerdem ab 2026/2027 in Grundschulen so genannte Juniorklassen eingerichtet. Dort werden sie ein Schuljahr lang intensiv auf die Grundschule vorbereitet.
Ein weiterer Schwerpunkt der Bildungsreform ist das neue neunjährige Gymnasium, das ab dem Schuljahr 2025/2026 mit den Klassen 5 und 6 aufwachsend die Regelform sein wird. Die Schulen können dabei G8-Züge einrichten. Inhaltlich handelt es sich nicht um eine Rückkehr zur früheren Form des neunjährigen Gymnasiums, sondern die neun Schuljahre werden zeitgemäß ausgestaltet.
„Ein Ergebnis des Bürgerforums“
„Mit dem Bildungspaket stellen wir die Schullandschaft in Baden-Württemberg für die Zukunft auf. Dazu gehört auch eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium - ein Ergebnis des Bürgerforums und der Wunsch vieler Menschen im Land“, erklärte Ministerpräsident Winfried Kretschmann dazu.
Die Mitglieder des Bürgerforums zur Dauer des allgemein bildenden Gymnasiums hatten am 11. Dezember 2023 ein Bürgergutachten mit 48 Empfehlungen an die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung Barbara Bosch übergeben.
Seit dem Schuljahr 2004/2005 war in Baden-Württemberg das achtjährige Gymnasium Standard. Es war einst eingeführt worden, um die Schüler international wettbewerbsfähiger zu machen. G9 gab es nur noch als Modellprojekt an 44 staatlichen Schulen und an einigen Privatschulen.
Ziel der G8-Reform verfehlt
Eine klare Mehrheit des Bürgerforums ist der Auffassung, dass das Ziel der G8-Reform verfehlt wurde und die erhofften Vorteile für die Wirtschaft (jüngere Absolvierende im internationalen Vergleich) durch G8 nicht eingetreten seien. Es seien aber unter diesem Kriterium auch keine Vorteile durch ein G9 zu erwarten.
49 der 55 Mitglieder des Bürgerforums sprechen sich für ein neues G9 als Regelfall an allgemein bildenden Gymnasien mit G8-Schnellläufer-Zügen an großen Gymnasien oder Gymnasien mit spezieller Profilbildung aus. Auch im ländlichen Raum soll pro Kreis mindestens ein G8-Zug angeboten werden.
G9 nicht die einzige Lösung
Eine deutliche Mehrheit von 78 Prozent sieht G8 nicht allein als Ursache für die Belastungen der jungen Menschen und demzufolge G9 auch nicht als die einzige Lösung, um Belastungen zu reduzieren. Mit die höchsten Zustimmungswerte mit über 95 Prozent erhielt die Aussage, dass weder bei G8 noch bei einer Rückkehr zum alten G9 die Sicherheit bestehe, dass die Bildungsziele mit dem aktuellen Schulsystem erreicht werden. Beides müsse reformiert werden. Daraus resultiert eine mit großer Mehrheit (89 Prozent) gefasste „dringende Empfehlung“ einer schulartübergreifenden Bildungsreform, um die Bildungsziele besser umsetzen zu können.
Das Bürgerforum stellt außerdem fest, dass es aktuell keine ausreichende Bildungsgerechtigkeit gebe, da das Erreichen der Bildungsziele stark vom Bildungsstand, vom finanziellen Hintergrund und den Unterstützungsmöglichkeiten in der Familie abhänge. Hier müsse Bildungspolitik ansetzen und für Ausgleichsmöglichkeiten sorgen.
„Ein Gegenfilter zu den Filterblasen“
Die baden-württembergische Landesregierung hatte den Beteiligungsprozess im Juni 2023 gestartet. „Das Thema G8/G9 wurde noch nie so ganzheitlich, nachhaltig und umfassend diskutiert. Dafür bin ich den Mitgliedern des Bürgerforums sehr dankbar. Der Dialogprozess hat eindrücklich gezeigt, dass Bürgerforen funktionieren. Sie wirken wie ein Gegenfilter zu den Filterblasen der sozialen Medien und der Einseitigkeit öffentlicher Erregungswellen. Sie nehmen eine Gewichtung der vielen Argumente vor und sind offen für langfristige Sichtweisen und Kompromisslinien“, sagte Staatsrätin Barbara Bosch bei der Übergabe in Stuttgart.
Tuğba Veli, Ursula Dow und Sébastien Gambin, die gemeinsam mit 52 weiteren Personen in vier Onlinesitzungen und zwei Präsenztagen im Bürgerforum mitgearbeitet hatten, hatten die zentralen Ergebnisse am 11. Dezember 2023 vorgestellt: „Lernen, Kreativität und Entwicklung sind Prozesse, die Zeit benötigen. Deshalb brauchen wir ein modernisiertes G9 mit Wahlmöglichkeiten für G8. Ein neues G9 soll unseren Kindern die benötigte Zeit für ein möglichst stressfreies und konstruktives Lernen geben. Trotz angespannter Haushaltslage sollte uns die Bildung unserer Kinder als Motor für Innovation und Zukunftsfähigkeit die nötigen Investitionen wert sein.“
Junge Menschen brauchen mehr Zeit
Ein starkes Argument für die zentralen Empfehlungen ist der Faktor Zeit. Eine klare Mehrheit (83 Prozent) denkt, dass junge Menschen in der Pubertät mehr Zeit brauchen, um sich zu entwickeln, um Verantwortung zu lernen und Orientierung zu finden. Einig war sich das Bürgerforum, dass mehr Zeit zum Lernen, Üben und Vertiefen des Unterrichtsstoffs zur Verfügung stehen sollte. Dieser Empfehlung haben als einzige alle Bürgerinnen und Bürger zugestimmt.
Auch zur Ausgestaltung eines modernisierten G9 äußert sich das Bürgerforum. 93 Prozent fordern kreative und partizipative Unterrichtsformate, die Verantwortung und Sozialkompetenzen fördern. 95 Prozent empfehlen mehr Praxisbezug durch Kooperationen mit Handwerk, Sozialdiensten usw. Für 85 Prozent soll die Schule grundsätzlich engere Kooperationen mit Vereinen, Hochschulen und Betrieben pflegen. 91 Prozent wünschen sich, dass die Digitalisierung vorangetrieben wird und 78 Prozent sind der Ansicht, dass mehr Unterrichtszeit für aktuelle gesellschaftliche Themen genutzt werden soll.
Investitionen in Bildung rechnen sich
Mit einer sehr hohen Zustimmung von 95 Prozent und ohne Gegenstimme kommt das Bürgerforum zum Schluss, dass die Investitionen in Bildung einen hohen gesellschaftlichen Wert darstellen und sich die Investitionen auch wirtschaftlich durch bessere Fachkräfte und innovationsfähige junge Menschen „rechnen”.
Staatsrätin Barbara Bosch betonte: „Das Verfahren hat dazu geführt, dass alle Argumente auf den Tisch gekommen sind. Das konnte man zum Beispiel an der Themenlandkarte zu Beginn des Prozesses sehen, die im Laufe der Zeit immer größer wurde. Und das war auch genau der Grund, weshalb wir das Bürgerforum ins Leben gerufen haben. Die öffentliche Debatte um G8 und G9 wurde bislang sehr verengt geführt. Und Bürgerforen sind ideal geeignet, ein komplexes Thema in seinen verschiedenen Facetten differenziert zu diskutieren.“
„Die Landesregierung schätzt die Zivilgesellschaft“
Bosch dankte sowohl den Teilnehmenden des Bürgerforums für ihr großes Engagement als auch den Initiatorinnen der Initiative „G9 jetzt! BW“, denn sie hätten das Thema auf die landespolitische Bühne getragen. Bosch: „Die Landesregierung schätzt die Zivilgesellschaft und das gilt auch dann, wenn es kontroverse Debatten zur Regierungspolitik gibt. Bei diesem Bürgerforum ging es um eine Kernfrage in einem zentralen Feld der Landespolitik. Das ist gelebte Politik des Gehörtwerdens.“
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und sein Stellvertreter, Innenminister Thomas Strobl (CDU), dankten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Bürgerforums für ihre Arbeit. Durch diese stehe die Debatte nun auf einem breiteren Fundament.
Themensuche vor Beginn
Bei der Auftaktveranstaltung zum Beteiligungsverfahren am 17. Juli 2023 war es zunächst um die Frage gegangen, welche Themen das spätere Bürgerforum beraten soll und welche Experten ihnen Informationen geben sollen. Dazu waren gut 60 Verbände und Interessengruppen eingeladen, darunter Schüler, Eltern, Lehrer und Rektoren - aber auch Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Landtagsfraktionen. Dabei ging es u.a. um die mentale Gesundheit der Schüler, um den Druck auf deren Familien und um die Investitionen in Schulräume und Lehrer, die für eine Rückkehr zu G9 notwendig wären. Alle Bürgerinnen und Bürger konnten sich zudem auf dem Beteiligungsportal der Landesregierung einbringen und mitdiskutieren.
Auf einer sogenannten Themenlandkarte waren 14 Themenfelder mit Duzenden Unterpunkten gesammelt worden, die die zufällig gelosten Bürger abarbeiten sollten. Zudem konnten diese weitere Themen auf ihre Agenda nehmen, sollte ihnen etwas fehlen.
Online-Beteiligung für alle Interessierten
Am 27. Juli 2023 hatte Staatsrätin Barbara Bosch den Startschuss für die zweite Phase im Beteiligungsprozess zur Dauer des allgemein bildenden Gymnasiums „G8/G9“ gegeben. Bis zum 22. September 2023 konnten sich alle Interessierten auf dem Beteiligungsportal des Landes beteiligen.
Das eigentliche Bürgerforum bestand aus 55 zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Da die Dauer des allgemein bildenden Gymnasiums Auswirkungen auf andere Schularten und letztlich das gesamte Schulsystem hat, waren auch diese Teilnehmer nicht nur Personen mit Abitur, sondern alle Schulabschlüsse waren repräsentiert. Die Landesregierung hatte Anfang September 6.003 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus Baden-Württemberg zur Teilnahme am Bürgerforum eingeladen.
Information, Diskussion, Empfehlungen
Zu Beginn des Bürgerforums gab es eine ausgiebige Informationsphase. In mehreren Sitzungen konnten die gelosten Teilnehmer sich in einer Anhörung ein breites Bild vom Thema machen. Dafür hatten Expertinnen und Experten, Verbände und Betroffene ihr Fachwissen und ihre Argumente vortragen. Dies galt auch für die Initiative, die dem Landtag am 13. November 2023 mit 106.950 Unterschriften weit mehr aals die notwendigen 39.000 Unterschriften für den Volksantrag „G 9 jetzt! BW“ vorgelegt hatte, der eine Beratung des Themas im Landtag zum Ziel hat.
Danach wurden die Informationen von den Forumsteilnehmern in mehreren Sitzungen aufgearbeitet und diskutiert. Im letzten Schritt haben diese dann gemeinsame Empfehlungen erarbeitet.
„Eine stärkere Stimme kann ich als Bürger nicht haben“
Auch Mitglieder des Bürgerforums zeigten sich zufrieden mit dem Verfahren. „Ich fühle mich beteiligt, absolut“, sagt Mirko Köhler aus dem Raum Hockenheim.„Eine stärkere Stimme kann ich als Bürger nicht haben.“ Der Wirtschaftsinformatiker und Personalleiter eines IT-Unternehmens hatte den Eindruck, dass das Bürgerforum G8/G9 in der Politik „eine Welle geschlagen hat“. Kritische Stimmen, die von einer „Alibiveranstaltung“ oder einem „Sitzkreis“ sprachen, kann er nicht nachvollziehen. Er selbst habe gar nicht erwartet, dass alles umgesetzt werde, sondern verstehe die Empfehlungen als eine „Richtschnur“.
Teilnehmerin Emelie Steelandt, die selbst das G8 absolviert hat und angehende Grundschullehrerin ist. ist überzeugt, dass das Bürgerforum „viel initiiert hat“. Größtes Pfund ist für sie, dass das G9 mit neuen Inhalten modernisiert wird. Vom Verfahren selbst und der Moderation ist sie „positiv überrascht“. Anfangs sei sie zurückhaltend gewesen, habe viel beobachtet. „Aber ich habe den Eindruck bekommen, dass auch meine Meinung interessiert.“
Bürgergutachten übergeben
Am 7. Februar 2024 hatte das Bürgerforum zur Dauer des allgemein bildenden Gymnasiums sein Gutachten in einer Langversion an Barbara Bosch, Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, und Theresa Schopper, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport, übergeben und mit beiden zu den Ergebnissen und der Arbeit des Bürgerforums diskutiert. In dem 62-seitigen Gutachten wird gezeigt, wie das Bürgerforum gearbeitet hat und zu seinen Ergebnissen gekommen ist.
Kultusministerin Theresa Schopper zeigte sich beeindruckt: „Das Bürgerforum hat sich sehr viele Gedanken gemacht, wie ein zukünftiges Konzept des allgemein bildenden Gymnasiums aussehen könnte. Ich bin sehr beeindruckt." Das Bürgergutachten ist in die Erarbeitung eines Konzepts für ein neues, zeitgemäßes G9 eingeflossen.
Bürgerforum wirksam
Die Landesregierung hat ausgewertet, inwiefern die Empfehlungen des Bürgerforums und die Bildungsreformen übereinstimmen. Aus der Gegenüberstellung geht hervor, dass sich mehrere Punkte decken oder in die gleiche Richtung gehen.
So hatte die Losversammlung eine Rückkehr zum früheren G9 abgelehnt und stattdessen ein „neues G9“ als Regelfall und gleichzeitig eine Reform des G8 vorgeschlagen. Das Bildungspaket sieht vor, dass das G9 reformiert wird, u.a. durch die Stärkung der Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik sowie die Einführung des Faches Informatik/Medienbildung.
Spracherwerb und Grundschul-Empfehlung
Eine weitere Empfehlung war die Förderung von Spracherwerb und Basiskompetenzen in Kindergärten und Grundschulen, um mehr Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Das neue Konzept „SprachFit“ geht genau in diese Richtung.
Auch die Reform der Grundschul-Empfehlung wurde grundsätzlich vom Bürgerforum empfohlen, Andere Anregungen wie kreative Unterrichtsformate und die Entschlackung alter Lehrpläne finden sich nicht explizit im Reformpaket.