Medien zukunftsfähig machen
Durch das Internet sind die Medien im Umbruch. Polarisierung und Desinformation sind Folgen davon. In Baden-Württemberg hat ein Bürgerforum deshalb von Juni bis Oktober 2025 Vorschläge für eine zukunftsfähige Medienlandschaft entwickelt. Am 17. Januar 2026 wurde der Abschlussbericht mit insgesamt 44 Empfehlungen an Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Medienschaffende übergeben.
Die Losversammlung empfiehlt unter anderem ein Social-Media-Verbot für Kinder bis zehn Jahre, Smartphones sollten generell aus den Klassen eins bis vier verbannt werden. In den Klassen 5 bis 7 soll es eine Übergangsnutzung geben, um den bewussten Umgang mit dem Smartphone zu erlernen. Ab der 8. Klasse soll der bewusste Umgang weiterhin gefördert und zusätzlich das Gerät als Lehrmittel begriffen werden. Geschultes Personal soll dies begleiten. Das Alter soll durch ein sicheres System überprüft werden. Nach Angaben von Teilnehmerinnen und Teilnehmer war dies auch der klare Wille der jüngeren Mitglieder des Bürgerforums.
Informationsquellen angeben und verlinken
Diskutiert wurde auch über die Arbeit von Redakteurinnen und Redakteuren, die digitale Inhalte wie Texte, Videos oder Podcasts für Online-Plattformen entwickeln. Diese sollten erklären, woher sie ihre Informationen haben und diese möglichst auch gleich verlinken, so der Wunsch des Forums.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk solle transparent mit den Gebührengeldern umgehen, lautet eine weitere Bürgerforderung. Auch sollte eine europäische Mediathek geschaffen werden.
Künstliche Intelligenz (KI) sollten die Medienschaffenden nur als zusätzliches Hilfsmittel benutzen, der Einsatz von KI müsste klar gekennzeichnet sein. Die Einhaltung entsprechender europäischer Verordnungen müsse gesichert sein.
Deutschlandticket für Medien
Mit Blick auf die steigenden Kosten für die Nutzerinnen und Nutzer schlagen die Bürgerforum-Mitglieder unter anderem eine Art Deutschlandticket für Medien vor, ein niederschwelliges Angebot für Bezahlmedien als Zusammenschluss mehrerer Verlage. Die Verlage sollten ihre Produkte zudem noch besser bewerben und vertreiben. Der Lokaljournalismus müsste stärker von der Politik gefördert werden und sollte sich noch näher an den Interessen der Leserinnen und Leser ausrichten sowie auch Begegnungsformate für die öffentliche Debatte ermöglichen.
Landtagspräsidentin Aras sagte, die politisch Verantwortlichen interessiere, was die Menschen "von der Medienlandschaft der Zukunft" erwarteten. Die Ergebnisse des Bürgerforums seien deshalb ein wertvoller Beitrag zum demokratischen Diskurs. Aras kündigte an, die Empfehlungen auch im Landtag debattieren zu lassen.
SWR-Intendant Kai Gniffke sagte, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bürgerforums hätten die kritischen Punkte identifiziert, man werde sich damit auseinandersetzen. Für den Verlegerverband betonte deren Geschäftsführer Holger Paesler: Die Ergebnisse zeigten, dass die privaten Medien von der Gesellschaft getragen würden.
Warum das Bürgerforum?
Die Demokratie lebt vom Austausch. Doch dieser Austausch steht unter Druck: Klassische Medien ringen um den Erhalt von Reichweite, Finanzierung und Vertrauen. Online-Plattformen haben die Zugangshürden gesenkt, tendieren aber zur Polarisierung. Neben Desinformation bedroht auch Desinteresse die Fähigkeit von Menschen, sich zu verständigen.
Welche gemeinsamen Bezugspunkte haben wir noch? Die Pressestiftung Baden-Württemberg wollte mit einem Bürgerforum genau hier ansetzen - und gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern überlegen, wie eine zukunftsfähige Medienlandschaft aussehen kann. Die Losversammlung hat nicht nur gefragt: Was läuft falsch? Sondern: Was wünschen Sie sich - und wie könnte das umgesetzt werden?
Das Bürgerforum hatte vier zentrale Ziele:
- den heutigen Zustand der Medienlandschaft sichtbar zu machen
- die Bedürfnisse und Erwartungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu erfassen
- gemeinsam über konkrete Verbesserungsmöglichkeiten zu sprechen
- und schließlich zu überlegen: Wie könnte eine Medienlandschaft aussehen, wenn wir sie völlig neu denken könnten?
Fragen an Forumsmitglieder
Im Mittelpunkt standen Fragen wie:
- Welche Informationen sind für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar?
- Wie möchten Bürgerinnen und Bürger sich informieren?
- Wie könnte eine Medienlandschaft aussehen, wenn wir sie völlig neu denken könnten?
- Wie trägt sich eine solche Medienlandschaft auch finanziell?
Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren Menschen mit unterschiedlichsten Perspektiven, angelehnt an die vielfältige Bevölkerung in Baden-Württemberg: Männer und Frauen, Alt und Jung, Personen aus verschieden großen Orten, aus allen vier Regierungsbezirken, mit unterschiedlichen Bildungshintergründen, mit oder ohne Migrationsgeschichte.
Am 12. Mai 2025 wurden 6.470 zufällig aus aus den Einwohnermelderegistern gezogene Adressen angeschrieben und zum Bürgerforum eingeladen. Darunter waren Menschen aus Deißlingen, Freiburg, Rheinstetten, Sipplingen, Ulm, Untereisesheim, Weil der Stadt und Waghäusel. 157 Interessierte hatten sich für eine Teilnahme beworben und dabei weitere Angaben zu Bildungs- und Migrationshintergrund gemacht. Aus den Interessierten wurde eine gewichtete Zufallsstichprobe unter Berücksichtigung der Kriterien Alter, Geschlecht, Ort, Bildungs- und Migrationshintergrund gezogen.
"Ich wollte meinen Input geben"
Die angehende Jura-Studentin Lena Rößler war sofort motiviert, mitzumachen, als der Einladungsbrief in ihrem Briefkasten lag: "Unsere Gesellschaft ist jeden Tag mit Medien verknüpft. Und dann wollte ich auch so ein bisschen meinen Input geben."
Alice Anna Grieser ist mit ihren 17 Jahren eine der jüngsten Teilnehmerinnen. Ihr ist wichtig, dass sich die Gruppe nicht sofort in allem einig ist: "Ich wünsche mir, dass wir eine gute Streitkultur haben und dass wir verschiedene Meinungen haben, denn nur so kommen wir weiter. Nur durch Unterschiede kann man vorankommen."
Einmischen ist wichtig
Einmischen ist wichtig, finden Rößler und Grieser. Außerdem weiteten andere Meinungen den Horizont. Auch wenn der Rest der Gruppe nicht hinter einer kontroversen Meinung stehe, würde sie trotzdem gehört und respektiert, so Lena Rößler.
Das Forum hatte vom 28. Juni bis zum 21. September 2025 in zwei getrennten Gruppen getagt. Eine hat alle Altersklassen von 16 Jahren an aufwärts gemischt, die andere umfasste nur Menschen zwischen 16 und 24 Jahren. In der letzten Sitzung am 18. Oktober 2025 hatten die beiden Foren ihre Ergebnisse gemeinsam diskutiert und in einer Abschlussempfehlung zusammengeführt. In ihrer Arbeit wurden die Gruppenmitglieder von zehn Expertinnen und Experten mit Fachwissen unterstützt.
Wissenschaftliche Begleitung
Das Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg hat das Bürgerforum wissenschaftlich begleitet. Ein Team unter Leitung des Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Uwe Wagschal hat unter anderem die Entwicklung der beiden unterschiedlichen Gruppen beobachtet.
Das Team hat außerdem untersucht, welche Formen der Mediennutzung sich unterschiedliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer wünschen, welche Hindernisse dabei bestehen und ob sich Wahrnehmungen und Lösungsansätze zwischen junger und altersgemischter Gruppe unterscheiden. Darüber hinaus wird analysiert, inwiefern sich das politische Informationsverhalten durch die Teilnahme am Bürgerforum verändert. Der Abschlussbericht der Begleitforschung wird Ende März 2026 erwartet.
Organisation und Finanzierung
Die Pressestiftung Baden-Württemberg, die das Bürgerforum organisiert hat, ist eine gemeinnützige Selbsthilfeeinrichtung. Träger sind die Landespressekonferenz (LPK), in der sich die aus der Landespolitik berichtenden Journalisten organisiert haben, der Landesverband des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) und der Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV).
Ursprüngliche Aufgabe der Stiftung war es, Journalisten zu unterstützen, die aufgrund von Schicksalsschlägen unverschuldet in Not geraten. Die Arbeit hat sich aber ausgeweitet, nach einer Satzungsänderung 2024 stehen auch inhaltliche Fragen rund um die Medien und ihre Zukunft im Visier.
Das Bürgerforum wurde finanziell mit 478.000 Euro von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert. Die Stiftung wurde im Jahr 2000 auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) als Landesstiftung gegründet. Sie hat ein Vermögen von rund 2,3 Milliarden Euro und fördert jährlich zahlreiche gemeinnützige Projekte.
Auseinandersetzung mit Ergebnissen gewünscht
Theresia Bauer wünscht sich als Geschäftsführerin der Baden-Württemberg Stiftung eine „Auseinandersetzung mit dem, was da hervorgebracht wurde“. Die Ergebnisse dürften nicht in den Schubladen verschwinden.