"Ihre Stimme wurde gehört"

02. Dezember 2025
Burgerberaad Klimaat

Weniger Lebensmittelverschwendung, längere Garantiezeiten für Produkte und mehr Anreize für Reisen mit der Bahn. Das sind drei der 13 Empfehlungen, die der erste nationale Klima-Bürgerrat der Niederlande formuliert hat. Am 1. Dezember 2025 hat die Losversammlung ihre Vorschläge an Regierung und Parlament überreicht. 

Die Klimaschutz-Vorschläge wurden dem scheidenden Ministerpräsidenten Dick Schoof, der Ministerin für Klima und grünes Wachstum Sophie Hermans, dem Minister für Inneres und Königreichsbeziehungen Frank Rijkaart und der stellvertretenden Vorsitzenden der Zweiten Kammer Wieke Paulusma überreicht.

Empfehlungen vorgestellt

Anwesend waren auch verschiedene Abgeordnete der Zweiten Kammer und mehr als 150 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Verwaltung sowie mehr als 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bürgerrates selbst.

Während der Vorstellung wurden die 13 Empfehlungen erläutert, die von mindestens drei Vierteln der Losversammlung unterstützt wurden. Die Bürgerrat-Mitglieder gaben einen Einblick in den besonderen Prozess, den sie gemeinsam durchlaufen haben. 

Vorschläge für die Landwirtschaft

Das Bürgergutachten des Bürgerrates enthält verschiedene Vorschläge für die Landwirtschaft. So empfehlen die Mitglieder der Losversammlung, dass bis 2030 ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche biologisch bewirtschaftet werden soll. Derzeit sind es gut vier Prozent. Sie plädieren auch dafür, CO2- und Stickstoffemissionen zu besteuern. Dänemark ist das erste Land mit einer solchen "Kuhsteuer". Mehr als neun von zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterstützten diesen Plan, an den sich die Regierung bislang nicht herangetraut hatte.

Die Einnahmen aus einer solchen Steuer sollen zum Teil in einen Umstellungsfonds fließen, der Landwirtinnen und Landwirten hilft, nachhaltiger zu wirtschaften, und zum Teil dazu verwendet werden, Preissteigerungen im Supermarkt abzufedern.

Doggybags in Restaurants

Der Bürgerrat schlägt auch vor, ein spanisches Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung weitgehend zu übernehmen. Dieses sorgt dafür, dass Supermärkte Lebensmittel preislich reduzieren und an Tafeln spenden müssen, statt sie wegzuwerfen. Restaurants müssen so genannte Doggybags anbieten. Die Unterstützung dafür ist fast einstimmig: 97 Prozent der Bürgerrat-Mitglieder halten das für eine gute Idee.

Um das Verhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher nachhaltiger zu gestalten, muss es laut Bürgerrat eine gesetzliche Garantie von sechs Jahren auf Elektronikgeräte geben und einen Reparaturfonds, der Reparaturen günstiger macht als den Neukauf. Ein europäischer „digitaler Produktpass” soll verwendet werden, um umweltschädliche Produkte stärker zu besteuern. Außerdem soll es sich für die Hersteller lohnen, nachhaltig zu produzieren. Darüber hinaus sollen Anreize geschaffen werden, recycelte Rohstoffe zu verwenden.

Zugreisen attraktiver machen

Die Bürgerrat-Mitglieder sind der Meinung, dass die Regierung Zugreisen attraktiver machen sollte, indem sie Fahrkarten von der Mehrwertsteuer befreit und den Buchungsprozess vereinfacht. Die Losversammlung spricht sich auch für eine Rush-Hour-Gebühr bei der niederländischen Eisenbahngesellschaft NS und günstigere Fahrkarten außerhalb der Rush Hour aus. Eine Idee, die die Regierung bisher nicht umsetzen wollte.

Insgesamt würden die Pläne laut einer Berechnung des Beratungsunternehmens CE Delft zu einer Senkung der niederländischen Treibhausgasemissionen um 5 bis 17 Millionen Tonnen führen. 2024 beliefen sich die Treibhausgasemissionen in den Niederlanden auf 145 Megatonnen CO2-Äquivalent. 

„Ihre Stimme wurde gehört”

Jetzt sind die Regierung und die Zweite Kammer am Zug. „Es wurden viele Themen genannt, die zu Maßnahmen führen können”, sagte Premierminister Schoof. Er betonte jedoch auch, dass diese für die Niederländerinnen und Niederländer „machbar und bezahlbar” sein müssen. Die Bürgerrat-Mitglieder wünschen sich, dass die Zweite Kammer ihre Pläne ernst nimmt.

Innenminister Rijkaart sagte, er finde es schön, dass so viele verschiedene Menschen zusammengekommen seien. Vor allem auch diejenigen, die der Klimapolitik kritisch gegenüberstehen und sich Sorgen darüber machen, wie sich diese in der Praxis auswirken wird. „Ihre Stimme wurde gehört”, sagte Rijkaart.

Regierung antwortet binnen sechs Monaten

Die Regierung wird innerhalb von sechs Monaten auf die Bürgervorschläge reagieren. Sie wird dann angeben, welche Empfehlungen sie übernimmt, welche nicht und warum nicht. Anschließend wird die Zweite Kammer die Empfehlung des Bürgerrates und die Reaktion der Regierung in einer Debatte beraten. Bei der Abschlusssitzung, die spätestens im Dezember 2026 stattfindet, wird die Regierung gemeinsam mit der Zweiten Kammer und dem Bürgerrat diskutieren, wie die Empfehlungen umgesetzt wurde.

Der Bürgerrat bleibt noch ein Jahr lang zusammen, um zu beobachten, wie die Regierung und die Zweite Kammer die Empfehlungen umsetzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden währenddessen mit der Wirtschaft, sozialen Organisationen und der Gesellschaft über die Empfehlungen diskutieren.

Eine Verbindung zueinander

Der Klima-Bürgerrat hatte am 13. September 2025 seine Arbeit abgeschlossen. 175 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich mit den Themen nachhaltiger Konsum, Kreislaufwirtschaft und Reisen befasst. 

Der letzte Sitzungstag hatte mit einem Gespräch über die wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen begonnen. Was waren die schönsten Momente? Worauf sind wir stolz und was war schwieriger als erwartet? Ein Teilnehmer fasste die Worte vieler anderer zusammen: „Ich habe trotz unserer Unterschiede eine Verbindung zueinander gespürt”.

Danach gab es eine besondere Überraschung: Graham Smith, ein britischer Wissenschaftler, der als Experte für Bürgerräte weltweit bekannt ist, hielt eine Rede vor dem Bürgerrat. „Ihr seid aus drei Gründen etwas Besonderes. Erstens hat es noch nie zuvor einen so großen Bürgerrat mit 175 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gegeben. Aber auch die unruhige politische Dynamik, mit der ihr zu tun habt, darunter der Sturz der Regierung, ist beispiellos. Und schließlich gab es noch nie einen Bürgerrat, der so viel Kontrolle über und Eigenverantwortung für das durchlaufenen Verfahren hatte. Ihr könnt also wirklich stolz auf euch sein!“

175 Bürgerrat-Mitglieder

Mitte November 2024 hatten 70.000 zufällig geloste Einwohnerinnen und Einwohner der Niederlande eine Einladung zu diesem Klima-Bürgerrat erhalten. Die Ausgelosten konnten sich bis zum 1. Dezember 2024 für eine Teilnahme bewerben. 4.070 Eingeladene hatten ihr Interesse an einer Teilnahme bekundet.

Der Bürgerrat bestand aus 175 Personen ab 16 Jahren, die nach den Kriterien Alter, Geschlecht, Bildung, Wohnort und Einstellung zur Klimapolitik ein Abbild der Gesellschaft waren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten eine Antwort auf die Frage finden, wie man Ernährung, und Reisen klimaschonender machen und umweltfreundlicher leben kann. Dabei ging es unter anderem um die Frage, ob nicht-nachhaltige Produkte teurer sein dürfen. Und darum, wie weit der Staat gehen sollte, um ein nachhaltiges Verhalten der Menschen zu fördern.

Fachleute und Interessenvertretungen

Die erste Bürgerrat-Sitzung fand am 18. Januar 2025 statt. In der ersten Hälfte des Jahres tagt die Losversammlung an sechs Wochenenden in Amersfoort. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten eine Aufwandsentschädigung von 120 Euro pro Tagungsmonat. Außerdem wurde eine Kinderbetreuung angeboten. Reise- und Unterkunftskosten wurden erstattet.

Ihr Wissen über Klimawandel und Klimaschutz hatten die Bürgerrat-Teilnehmer von Fachleuten und Interessenvertretern aus Verbänden, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erhalten, aber auch durch Exkursionen. Die Bürgerrat-Mitglieder hatten dabei so weit wie möglich selbst entschieden, welches Wissen und welche Informationen sie erhalten und nutzen wollten und mit welchen Fachleuten und Interessenvertretungen sie sprechen wollten. Ein unabhängiger Beirat hat sichergestellt, dass die vermittelten Informationen ausgewogen waren.

Online-Beteiligung

Vom 16. April bis zum 7. Mai 2025 hatten alle Menschen in den Niederlanden die Möglichkeit, per Online-Befragung einen Beitrag zum Klima-Bürgerrat zu leisten. Die Bürgerrat-Mitglieder wollten wissen, was sie bei ihren Empfehlungen berücksichtigen sollten. Was sind für die Menschen in den Niederlanden die wichtigsten Themen? Was halten sie für fair? Und welche Verantwortung tragen Regierung, Unternehmen und die Bürgerinnen und Bürger selbst? 32.532 Menschen hatten sich in das Verfahren eingebracht.

Das gleiche Verfahren wurde auch mit einer repräsentativen Gruppe von Niederländerinnen und Niederländern durchgeführt. Diese Stichprobe bestand aus 3.022 Personen, die in Bezug auf Alter, Geschlecht, Bildungsniveau und Meinung zur Klimapolitik ein Abbild der niederländischen Bevölkerung war.

Kinderklimagipfel

Für Kinder und Jugendliche gab es eine spezielle Version der Online-Konsultation. Außerdem wurde ein Kinderklimagipfel organisiert. Bei diesem Gipfel haben 60 Kinder und Jugendliche darüber diskutiert, was sie zum Bürgerrat beitragen wollen.

Der Kinderklimagipfel fand an zwei Tagen statt. An der ersten Sitzung am 18. April 2025, die zusammen mit dem Kinderhilfswerk UNICEF orgainisiert wurde, hatten etwa 30 Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren teilgenommen. Die zweite Sitzung fand am 9. Mai 2025 statt und richtete sich an Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahren. Sie wurde von der Organisation "De kleine Ambassade" organisiert, die auf Kinder- und Jugendbeteiligung spezialisiert ist.

Während des fünften Treffens des Klima-Bürgerrates am 17. und 18. Mai 2025 hatten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kinderklimagipfels den Bürgerrat-Mitgliedern ihre Ergebnisse vorgestellt.

"Aus der grünen Blase herauskommen"

In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob der Bürgerrat Nachahmer findet. Auch einige Ausgeloste standen der Initiative zunächst skeptisch gegenüber. Ein Teilnehmer, der zuvor von Geldverschwendung sprach, ist jetzt zufrieden mit den „schönen Plänen”, auch wenn sich der Bürgerrat nicht in allen Punkten einig war. Ein kleiner Teil blieb bei seiner Kritik an den Klimaschutzplänen der Regierung.

Andere Bürgerrat-Mitglieder waren begeistert. „Es bringt einem sehr viel, aus seiner grünen Blase herauszukommen”, sagte eine junge Frau aus Utrecht. Und der älteste Teilnehmer, Kees aus Eelde in Groningen, sagte: „Ich wünsche mir mehr Bürgerräte dieser Art in den Niederlanden.”

14. nationaler Klima-Bürgerrat

Organisiert wurde der Bürgerrat durch Overlegorgaan Fysieke Leefomgeving (Beratungsgremium für die physische Lebensumgebung - OFL). Das OFL ist eine unabhängige Plattform für Beratung und Zusammenarbeit zwischen Regierung, Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen und Organisationen der Zivilgesellschaft. Es befasst sich mit der Umwelt, in der die Menschen leben, arbeiten, reisen und sich erholen.

Der Klima-Bürgerrat in den Niederlanden war die 14. nationale Losversammlung zum Thema Klimaschutz. Ähnliche Bürgerräte gab es zuvor bereits in Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Schweden und Spanien. 

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