Französischer Bürgerrat will Schulreformen

25. November 2025
Le CESE

Am 23. November 2025 hat ein Bürgerrat in Frankreich 20 Empfehlungen zur Dauer der Schulzeiten und zu weiteren Schulreformen beschlossen. Die Losversammlung schlägt unter anderem vor, fünf volle Schultage pro Woche einzuführen statt der in 90 Prozent der Kommunen üblichen vier Tage. Um Schlafmangel zu verhindern, soll der Unterricht für Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe erst um 9 Uhr beginnen. 

Die Vormittage sollen für den theoretischen Unterricht und die Nachmittage für den praktischen Unterricht genutzt werden. Zum praktischen Unterricht sollen dabei auch alltagsbezogene Workshops zu Basteln, Kochen, Nähen, Hausarbeit, Klempnern oder sogar Finanzmanagement und Vorbereitung auf die Steuererklärung gehören. Lernstoff und Hausaufgaben will der Bürgerrat verringern. Die Länge der Schulferien soll unverändert bleiben. 

Ein weiterer Vorschlag zielt darauf ab, einen Mobilitätsplan einzuführen, um „überall” sicherzustellen, dass die Fahrzeit zwischen Wohnort und Schule niemals mehr als 45 Minuten beträgt.

Ministerium für Kinder

Zu den Vorschlägen des Bürgerrates gehört außerdem die Schaffung eines Ministeriums für Kinder. Das Ministerium soll unter anderem eine zusammenhängende landesweite Abstimmung zwischen Schulen, außerschulischen Aktivitäten, Bildung, Gesundheit, Kultur und Familien gewährleisten.

Die Losversammlung nennt auch Arbeitsthemen für das Ministerium: Schaffung eines Jugendcampus, Umsetzung eines nationalen Plans für die Mobilität von Jugendlichen, Anstellen von Überlegungen zu Räumen und Zeiten für die Verpflegung von Schülerinnen und Schülern. Ständige Bürgerbeteiligung soll als Grundlage der Ministeriumsarbeit dienen. 

Klassen verkleinern

Damit all diese Veränderungen funktionieren, muss nach Meinung der Bürgerrat-Mitglieder die Schülerzahl in den Klassen reduziert werden. Außerdem kritisieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den im Haushalt 2026 vorgesehenen Stellenabbau im Schulbereich. Damit die Vorschläge Früchte tragen, müsste man nach Ansicht der Bürger auch die Lehrpläne überdenken und vereinfachen, die Schulgebäude anpassen und schließlich die Berufe im Bildungswesen aufwerten.

Die Schulzeiten seien „nicht an den biologischen Rhythmus der Kinder angepasst“, stellt der Bürgerrat in seinem Bürgergutachten fest. Die Kinder seien einem „Gesellschaftsmodell ausgesetzt, das Produktivität und Leistung wertschätzt“, mit „immer seltener werdender“ Freizeit und einer Allgegenwart von Bildschirmen, die „erhebliche Auswirkungen auf ihre Gesundheit, ihr Lernen und ihre Entwicklung“ habe.

Kritik von Gewerkschaften

Nach Meinung der Gewerkschaft Snes-FSU würde die Umsetzung der Bürgerrat-Vorschläge zu einer „organisatorischen Sackgasse” und einer „abgewerteten Schule” mit einem „permanenten Zappen” führen, dessen Auswirkungen „für die Schüler mit den größten Schwierigkeiten besonders nachteilig” wären.

Die Gewerkschaft Snalc ist noch strenger. Sie ist der Ansicht, dass die 4 Millionen Euro, die der Bürgerrat gekostet hat, „4 Millionen Euro sind, die zum Fenster hinausgeworfen wurden”. „Der gesamte Bericht ist völlig losgelöst von den Bedingungen seiner Erstellung und dem tatsächlichen Funktionieren unseres Landes”, beklagt sie.

Ungünstige Umsetzungsbedingungen

Für die Umsetzung der Empfehlungen der Losversammlung stehen die Sterne ungünstig. Der Bürgerrat wurde von Premierminister François Bayrou ins Leben gerufen, der inzwischen abgesetzt und durch Sébastien Lecornu ersetzt wurde, der nicht weiß, wie lange er noch im Amt bleiben wird. Die zuständigen Minister sind nicht mehr dieselben. Die Haushaltszwänge begünstigen die für Reformen notwendigen Investitionen nicht. Und die Nationalversammlung ist nach wie vor gespalten.

Eine weitere Schwierigkeit: Der Zeitplan für Reformen ist eng. Im März 2026 finden Kommunalwahlen und im April 2027 Präsidentschaftswahlen statt.

Ministerien bearbeiten Empfehlungen

Der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat (CESE) hat von der Regierung die Zusage erhalten, dass die zuständigen Ministerien die Bürgerrat-Empfehlungen bearbeiten und dazu eine Stellungnahme abgeben.

Die Abgeordnete der Partei „Renaissance“ und kurzzeitige Bildungsministerin Anne Genetet hat erreicht, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bürgerrates im ersten Quartal 2026 vom Ausschuss für Kultur und Bildung der Nationalversammlung angehört werden.

„Debatte am Leben erhalten“

„Wir müssen die Debatte am Leben erhalten und diesen Empfehlungen Nachdruck verleihen, denn das Thema Schule ist von entscheidender Bedeutung. Der Bericht der Bürgerkonvention gibt wieder, was viele Fachleute seit Jahren, ja sogar Jahrzehnten sagen und was viele Länder aufgreifen, während Frankreich hinterherhinkt“, erklärte Genetet.

CESE Kenza Occansey hofft, dass die Vorschläge in den nächsten vier Monaten „dank der Kommunalwahlkampagne weiterleben”. Passiere dies nicht, würden er und die 133 Bürgerrat-Mitglieder, alles tun, um das Thema bei den Präsidentschaftswahlen 2027 auf die Tagesordnung zu birngen. „Das Thema wird nicht verschwinden, solange wir es nicht behandelt haben. Es ist höchste Zeit, die Bedürfnisse der Kinder zu einer Priorität zu machen“, meint Occansey.

„Kinder fallen in Leistungsniveau zurück“

Präsident Emmanuel Macron hatte den Bürgerrat am 2. Mai 2025 in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Parisien.so angekündigt: „Ich halte es für notwendig, dass wir daran arbeiten, die Organisation des Schulalltags so zu gestalten, dass er der Entwicklung und dem Lernen der Schüler förderlicher ist, und dass wir ein Gleichgewicht finden, um das Leben für Familien zu erleichtern.“

„Wir haben sehr, sehr lange Sommerferien. Kinder, die keine familiäre Unterstützung haben, fallen oft in ihrem Leistungsniveau zurück. Der Bürgerrat scheint mir das geeignetste Instrument zu sein, um die französische Bevölkerung zu befragen“, so Macron. Die Losversammlung hat in ihren Empfehlungen aber andere Schwerpunkte gesetzt.

Zwei Monate Sommerferien

Französische Schülerinnen und Schüler haben in der Regel zwei Monate Sommerferien, wobei das Schuljahr in der ersten Juliwoche endet und am oder kurz nach dem 1. September wieder beginnt.

Obwohl die „grandes vacances“ die längsten Ferien sind, gibt es während des Schuljahres noch viele andere Ferien. Schülerinnen und Schüler (und Lehrerinnen und Lehrer) haben so mehrere zweiwöchige Ferien. Dazu gehören die Herbstferien zu Allerheiligen, die Weihnachtsferien im Dezember, die Winterferien im Februar/März und die Frühlingsferien im April/Mai.

Insgesamt haben die Schulen 16 Wochen im Jahr Ferien und 36 Wochen Unterricht. Damit hat Frankreich eines der kürzesten Schuljahre der Welt - der Durchschnitt in den OECD-Staaten liegt bei 38 Wochen. Etwa ein Drittel aller Länder weltweit hat ein Schuljahr von 40 Wochen oder mehr. Allerdings liegt Frankreich laut OECD bei der Anzahl der Unterrichtsstunden pro Jahr über dem Durchschnitt.

133 Bürgerrat-Mitglieder

Der Bürgerrat zu den Schul- und Betreuungszeiten von Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 18 Jahren hatte am 20. Juni 2025 seine Arbeit aufgenommen und bis zum 23. November 2025 getagt. Er bestand aus 133 Mitgliedern, die nach Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf, Wohnort und Herkunftsregion ein Abbild der französischen Bevölkerung waren. Das Meinungsforschungsinstitut Harris Interactive hatte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Anrufe an zufällig erstellte Telefonnummern gewonnen. Alle Mitglieder der Losversammlung erhielten eine Aufwandsentschädigung. Alle Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung wurden übernommen. Außerdem gab es eine Kinderbetreuungszulage. 

Von Juni bis November 2025 fanden sieben Arbeitssitzungen statt. An den Beratungen waren Vertreterinnen und Vertreter aus Lehrerschaft, Schulleitungen, Elternschaft, Kommunalpolitik, Sport- und Kulturvereinen sowie Expertinnen und Experten für Medizin, Soziales und Wirtschaft beteiligt. Eine Gruppe von 20 Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren war zusammenkommen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und ihre Erwartungen zu äußern.

Lenkungsausschuss hat Verfahren begleitet

Ein Lenkungsausschuss hatte das Verfahren begleitet und die Einhaltung der Grundsätze von Transparenz und Neutralität überwacht.

Die Organisation der Losversammlung war dem CESE übertragen worden. „Das Demokratie-Unbehagen unserer Mitbürger ist auch eine Krise der Wirksamkeit des staatlichen Handelns. Und genau hier kommt die partizipative und soziale Demokratie zum Tragen, indem sie das notwendige Material für besser konzipierte, besser umsetzbare und besser akzeptierte öffentliche Maßnahmen liefert“, hatten dessen Präsident Thierry Beaudet zum Bürgerrat erklärt.

Dritter nationaler Bürgerrat in Frankreich

Der Bürgerrat zu Schul- und Betreuungszeit war die dritte nationale Losversammlung in Frankreich. Zuvor hatte es bereits Bürgerräte zu den Themen Klimaschutz und Sterbehilfe gegeben.

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