EU-Bürgerforum zur Lebensmittelverschwendung

18. Dezember 2022
USDA / Flickr

Am 16. Dezember 2022 hat in Brüssel ein zufällig gelostes EU-Bürgerforum zur Lebensmittelverschwendung in der Europäischen Union seine Arbeit aufgenommen. An drei Wochenenden werden die 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen EU-Mitgliedsstaaten Ideen zur Eindämmung der Verschwendung von Lebensmitteln entwickeln.

Lebensmittelverschwendung bedeutet, dass bereits bei der Produktion von Nahrungsmitteln hohe Verluste auftreten. In den Privathaushalten werden außerdem neben ungenießbaren Teilen auch noch essbare Lebensmittel in die Abfalltonnen geworfen. Hinzu kommen weitere Verluste entlang der Lebensmittelversorgungskette.

Verschwendung größer als Import

Laut einer im September 2022 von der Umweltorganisation Feedback EU veröffentlichten Studie verschwendet die EU mehr Lebensmittel als sie importiert. Im Jahr 2021 hat die EU danach fast 138 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse im Wert von 150 Milliarden Euro importiert. Gleichzeitig schätzen die Autoren der Studie "No Time to Waste", dass in der EU jedes Jahr 153,5 Millionen Tonnen Lebensmittel nicht für die Ernährung der Bevölkerung genutzt werden.

Allein die Menge des in der EU weggeworfenen Weizens entspreche etwa der Hälfte der ukrainischen Weizenexporte und einem Viertel der anderen Getreideexporte der EU. Der Bericht geht von etwa 90 Millionen Tonnen Lebensmittelabfällen in der Lebensmittelherstellung aus - dreimal mehr als Haushaltsabfälle.

Kosten von 143 Milliarden Euro jährlich

Die Verschwendung ist dabei laut Studie in Ländern mit hohem Einkommen größer als in Länder mit kleinerem Einkommen. Der größte Teil der Verschwendung werde jedoch wahrscheinlich gar nicht erst erfasst, denn in der Regel würden Lebensmittel, die in den landwirtschaftlichen Betrieben nicht geerntet, nicht verwendet oder nicht verkauft werden, auch nicht berücksichtigt.

Die Verschwendung von Lebensmitteln koste Unternehmen und Haushalte in der EU schätzungsweise 143 Milliarden Euro pro Jahr. Sie verursache mindestens sechs Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in der EU. Schätzungsweise 20 Prozent der in der EU produzierten Lebensmittel landeten nicht in den Mägen der EU-Bürger. Durch die Halbierung der Lebensmittelverschwendung in der EU bis 2030 könnten 4,7 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche einer anderen Nutzung zugeführt werden.

Bündnis fordert verbindliche Zielvorgaben

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen hat ein internationales Bündnis aus 43 Organisationen aus 20 EU-Staaten eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der die EU aufgefordert wird, rechtlich verbindliche Zielvorgaben für die Mitgliedstaaten einzuführen, um die Lebensmittelverschwendung in der EU vom Erzeuger bis zum Verbraucher bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren.

Zu den Unterzeichnern gehören die Organisationen Feedback EU, das Europäische Umweltbüro und Zero Waste Europe, die Lebensmittelabfallunternehmen Too Good to Go und OLIO sowie die Mitglieder der EU-Plattform für Lebensmittelverluste und -verschwendung, dem offiziellen Beratungsgremium der EU für Lebensmittelabfälle.

EU-Kommission will Verschwendung halbieren

Die Europäische Kommission hat sich verpflichtet, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Bereits im Oktober 2021 hatte die Kommission ein Beteiligungsverfahren zu einem Leitlinien-Entwurf eingeleitet. Die Konsultation, die sich an die Akteure der Lebensmittelversorgungskette richtete, aber auch den Bürgern offenstand, wurde im August 2022 abgeschlossen und mündete in einen zusammenfassenden Bericht. Bei den Befragten handelte es sich hauptsächlich um EU-Bürger (35 %), Unternehmen/Unternehmensorganisationen (22 %) und Wirtschaftsverbände (20 %).

Eine Mehrheit der Konsultationsteilnehmer stimmte der Festlegung rechtlich verbindlicher Ziele für eine Verringerung der Lebensmittelverschwendung durch Maßnahmen wie die "Verbesserung der Effizienz entlang der Lebensmittelversorgungskette", "Aus- und Weiterbildung", "Erleichterung der Spende überschüssiger Lebensmittel" und "Weiterverwendung überschüssiger Lebensmittel und Nebenprodukte" zu oder stark zu.

Forumsteilnehmer zufällig ausgelost

Die Teilnehmer des Bürgerforums zur Lebensmittelverschwendung wurden von einem unabhängigen Meinungsforschungsunternehmen nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Um die Verschiedenheit der Menschen in der EU widerzuspiegeln, wurden die Mitglieder des Bürgerforums nach den Kriterien geografische Herkunft (Staatsangehörigkeit und Stadt/Land), Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Hintergrund und Bildungsstand so gemischt, dass sie ein Abbild der EU-Bevölkerung darstellen. Ergänzt wurden diese Kriterien um eine Frage zur Einstellung der Ausgelosten zur EU, damit EU-Kritiker im Bürgerforum entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil ebenso angemessen vertreten sind wie EU-Befürworter. Junge Leute zwischen 16 und 25 Jahren sind überrepräsentiert. Sie stellen ein Drittel der Teilnehmer. Es wird außerdem ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis gewahrt.

Das Bürgerforum trifft sich zu drei Sitzungen vom 16. - 18. Dezember 2022 in Brüssel, vom 20. - 22. Januar 2023 online und vom 10. - 12. Februar 2023 erneut in Brüssel. Die dort entstehenden Empfehlungen der Bürgerinnen und Bürger sollen die Arbeit der Kommission im Bereich der Lebensmittelverschwendung unterstützen. Sie sollen zudem den EU-Mitgliedstaaten als Orientierungshilfe bei der Erreichung der künftigen Ziele zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung dienen.

Beschluss über Richtlinie bis Juni 2023

Die Kommission plant, bis Juni 2023 einen Richtlinien-Entwurf zu verabschieden. Er muss dann vom Europäischen Parlament und vom Rat gebilligt werden, ein Verfahren, das sich bis zu zwei Jahren hinziehen kann. Danach kann es ein weiteres Jahr dauern, bis die Richtlinie von den EU-Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt wird. Im schlimmsten Fall wird das Verfahren erst 2026 abgeschlossen sein.

Organisiert und moderiert wird das Bürgerforum von Experten von The Danish Board of Technology (DBT), deliberativa, ifok und Missions Publiques. Diese vier Beteiligungsunternehmen bringen ihre langjährige Erfahrung in der Organisation von Losversammlungen in das Forum ein.

Bürgerforum folgt Bürgerempfehlungen

Das Bürgerforum ist unmittelbare Folge der Konferenz zur Zukunft Europas. Im Rahmen dieser Konferenz hatten 800 zufällig geloste Bürgerinnen und Bürger aus der gesamten EU auch über die Weiterentwicklung der Demokratie in der Europäischen Union beraten. Eine dabei enstandene Empfehlung ist der Wunsch, zufällig geloste Bürgerforen regelmäßig in der EU einzusetzen. Die EU-Institutionen sind diesem Wunsch gefolgt. Neben dem Bürgerforum zur Lebensmittelverschwendung soll es bis 2024 noch Foren zu den Themen Lernmobilität und digitale Welten geben.

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