Bürgerrat zu nachhaltiger Ernährung

13. Juni 2022
Nico Kaiser / Flickr (CC BY 2.0)

Seit dem 12. Juni 2022 diskutieren in der Schweiz 100 per Los ausgewählte Bürgerinnen und Bürger über eine nachhaltigere und krisenresistentere Ernährungspolitik. Die Frage lautet: „Wie soll eine umfassende Ernährungspolitik für die Schweiz aussehen, die bis 2030 allen Menschen nachhaltige, gesunde und tierfreundliche Lebensmittel zur Verfügung stellt, die unter fairen Bedingungen für alle Beteiligten im Ernährungssystem produziert wurden?“

Organisiert wird der erste nationale Bürgerrat des Landes von der Organisation Ernährungszukunft Schweiz. Unterstützt und begleitet wird die Losversammlung von verschiedenen Bundesämtern. Der Bundesrat will damit einen Teil seiner bereits im vergangenen Jahr unterzeichneten Ziele der UNO für nachhaltige Entwicklung bis im Jahr 2030 erreichen.

Bevölkerung erhält Stimme für Ernährungspolitik“

Mit dem neuen Bürgerrat erhalte die Bevölkerung „erstmals eine Stimme, um Empfehlungen für konkrete Maßnahmen für eine zukunftsfähige Ernährungspolitik in die laufende Diskussion einzubringen“, sagt Daniel Langmeier, Projektleiter bei der Organisation Ernährungszukunft Schweiz. In elf Sitzungen sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Vorschläge erarbeiten und im November 2022 darüber entscheiden. Das Ergebnis wird schließlich an Politik und Verwaltung überreicht.

Die Teilnehmenden des Bürgerrates sind 100 zufällig aus der Schweizer Wohnbevölkerung ausgewählte Menschen. Sie kommen aus verschiedenen Ortschaften der Schweiz und sind hinsichtlich Alter, Geschlecht, Sprache und politischer Gesinnung ein Abbild der Schweizer Bevölkerung. Mit der Auslosung der Teilnehmer wurde das Marktforschungsinstitut Demoscope betraut. Es stellt sicher, dass die 100 Bürgerinnen und Bürger die Schweizer Bevölkerung repräsentieren.

Aufwandsentschädigung, Verpflegung und Unterkunft

Michael Buess, Geschäftsleiter von Demoscope, erläutert das Verfahren: „Wir haben an gut frequentierten Orten in Städten, Agglomerationen und auf dem Land Menschen angesprochen.“ Als Entschädigung für den Zeitaufwand für elf physische und virtuelle Treffen sind 500 Franken für die Bürgerinnen und Bürger vorgesehen. Auch Verpflegung und Unterkunft werden von den Veranstaltern organisiert.

Den Auftakt des Bürgerrates bildete ein Wochenende in Olten am 11./12. Juni 2022. Hier kamen alle 100 Teilnehmenden erstmals zusammen, lernten sich kennen und machten sich mit dem weiteren Vorgehen vertraut. Zugleich gab es einen wissenschaftlichen Gesamtüberblick über das Thema sowie Inputs von Interessengruppen. Darauf folgen fünf Online-Arbeitstreffen, mit thematischen Inputs und Dialogen in Kleingruppen.

Fachleute informieren Teilnehmer

30 Fachleute verschiedener Institutionen und Vertreter verschiedener Interessengruppen liefern den Bürgerrat-Teilnehmern das notwendige Wissen, darunter Schweizer Bauernverband, Agrarallianz, Stiftung für Konsumentenschutz, Umweltallianz, IG Detailhandel, Fial, Allianz Sud, Plattform Agenda 2030 und Scienceindustries. Am Gesamtverfahren beteiligt sind auch drei Bundesämter: das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), jdas Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und das Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Das zentrale Element des Bürgerrates ist der Meinungsbildungsprozess. In dessen Mittelpunkt stehen professionell moderierte Dialoge, bei denen alle Teilnehmer gleichermaßen zu Wort kommen. Sie erhalten durch Experten Informationen und bekommen einen Raum, um sich auszutauschen, Standpunkte abzuwägen und sich eine Meinung zu bilden. Herzstück dieser Dialoge sind Kleingruppen mit je zehn Personen, in denen die Teilnehmer ihre Perspektiven zusammenbringen und gemeinsam Empfehlungen erarbeiten.

Abschluss im November 2022

Am 1. Oktober 2022 findet ein zweites physisches Treffen für einen gruppenübergreifenden Austausch statt. Darauf folgen erneut drei Online-Arbeitstreffen in den Kleingruppen, in denen der Bürgerrat für Ernährungspolitik seine Empfehlungen überarbeitet.

Am 5./6. November 2022 findet das Abschlusswochenende statt. Dort werden die Empfehlungen der Themengruppen finalisiert und kommen im Plenum des Bürgerrates für Ernährungspolitik zur Abstimmung. Am Ende steht ein Katalog an Maßnahmen, welcher der Politik und der Verwaltung übergeben sowie der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird.

"Ernährung geht uns alle an"

Angela Meier ist Heilpädagogin und Teilnehmerin des Bürgerrates: "Ich bin selber Mutter und finde, Ernährung ist ein Thema, das uns alle angeht", sagt die 42-Jährige. Der pensionierte Betriebswirtschafter Philippe Gacond macht sich Sorgen um die Welt: "Ich nehme teil, weil ich jede Gelegenheit beim Schopf packe, etwas zu verändern. Die Lage der Welt ist ernst."

Die 33-jährige Bäuerin Martina Stettler will derweil die Sicht der Bäuerinnen und Bauern einbringen: "Das Vorurteil, Bäuerinnen und Bauern seien schuld, bedrückt mich." Die 24-jährige Janina Inauen hat gerade ihre Bachelor-Arbeit geschrieben. Sie sagt: "Ich würde gerne auf einer Erde leben, die noch einigermaßen bewohnbar und schön ist."

Lernausflüge für Teilnehmer

Parallel zu den Bürgerrat-Treffen erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, in Form eines Lernausfluges jeweils ein bis zwei Projekte zu besuchen, die aktuell ein zukunftsfähiges Ernährungssystem mitgestalten, in der Anwendung erfolgreich sind und so mit gutem Beispiel vorangehen. Durch den persönlichen Austausch mit den jeweiligen Projektverantwortlichen erfahren die Teilnehmenden des Bürgerrates aus erster Hand von den Chancen und Hindernissen, auf die diese Projekte stoßen.

Die Lernausflüge sollen Wissen vermitteln und die Teilnehmenden des Bürgerrates dazu inspirieren und motivieren, diese zukunftsfähigen Ansätze und die damit verbundenen Chancen und Risiken in ihre Dialoge und in die Empfehlungsbildung einzubeziehen. Zu diesem Zweck tragen die Teilnehmer das Gelernte in ihre Arbeitsgruppen. Da die Mitglieder der Arbeitsgruppen jeweils verschiedene Lernausflüge besuchen, fließen unterschiedliche Eindrücke und Erkenntnisse in den Arbeitsprozess ein.

Mehr Informationen: Bürgerrat für Ernährungspolitik

Bildlinzenz: (CC BY 2.0)